Zusatztext
Die Fleischtheke des Supermarkts am Tag, Stille bei Nacht: So sieht Coras Leben aus. Bis ihre Kindheitsfreundin Olympia verhaftet wird und alles zurückkommt. Der Sommer, in dem sie sich wiedergetroffen haben, in dem alles gesummt hat in ihr, das Seewasser noch auf der Haut, der Glitzer auf der Cap, die verzierten Fingernägel. Die langen Tage im großen, leeren Haus mit Olympia, die Cora erkennt, wie sie ist. Und wie schnell sie Olympia nicht mehr nur für sich hat nach der illegalen Party, auf der sie zum ersten Mal eine Grenze überschreiten, nach der Olympia so viel Zeit mit Ariel und ihrer Aktivistengruppe verbringt. Während Cora versucht, in der Schule und zu Olympia den Anschluss zu halten, schlägt eine radikale Idee ihre Triebe aus - und Cora verstrickt sich in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.
Autorenportrait
Franziska Gänslers Debütroman Ewig Sommer erschien 2022. Er wurde in diverse Sprachen übersetzt, für das Theater adaptiert und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2025 war die englischsprachige Ausgabe ein New York Times Editors Pick. Nach Wie Inseln im Licht (2024) erscheint mit Orca ihr dritter Roman. Franziska Gänsler lebt in Augsburg und Berlin.
Klappentext
Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation.
Leseprobe
1 OLYMPIA An dem Tag, an dem ich Olympia traf, lag ein sterbendes Kaninchen zwischen dem Supermarktparkplatz und dem leer stehenden Bürogebäude daneben, im Tal harter Grashalme, nah an der Fensterfront. Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam. Ich dachte ständig an Svea Bleibinger und stellte mir vor, wie meine Transformation die Hierarchie an der Schule völlig neu aufstellen würde, sobald alles wieder losging. Meine Wochen bestanden aus Routinen. Skincare, Haircare, Sport, Zahnaufhellungsstreifen, Maniküre, Pediküre. Ich hatte mir ein solides Wissen zu Bodyweighttraining, Proteinen, Vitaminen, Niacinamiden, Azelain, UVA- und UVB-Strahlung angeeignet, und über Reddit war ich auf etwas gestoßen, das meine Abende in Beschlag nahm: die Suche nach Mirror Replicas - makellos gefälschten Luxusartikeln. Ich chattete mit Menschen, die direkte Kontakte zu Fakefactories in Qingdao und Tianjin hatten und über das Rep-Forum als Trusted Seller gehandelt wurden. Ich fragte nach Preisen, Shippingkosten und PSPs, Pre Shipment Pictures. Ich wusste, welche Factories für welche Marken bekannt waren, ich konnte anhand von Fotos unterscheiden, ob die Naht einer Hermes Kelly per Hand oder mit einer Maschine gesetzt worden war, wusste, in welche Chanel-Modelle 'Made in Italy' und in welche 'Made in France' geprägt sein musste. (Es war saisonabhängig.) Das war Basisarbeit: Mir war klar, dass ich nicht mit einer gefälschten Birkin in der Schule auftauchen konnte, aber es gab Marken, die dort zum Standard gehörten, Tiffany, Burberry, Cartier und Louis Vuitton, und ich verbrachte täglich mehrere Stunden damit, die bestmöglichen Replikas der Teile, die die anderen im Original hatten, zu ermitteln. In meiner Notes-App führte ich eine Liste von Möglichkeiten, die mein angespartes Geld hergeben würde. Ich studierte Bilder, auf denen Taschen neben ihren Fälschungen lagen, las die Lob- und Kritikpunkte der Community. Ich lernte, auf Details zu achten: den Logoprint, der an der Naht exakt aufeinandertreffen, die Gravur der Metallösen, die tief genug und vor allem zentriert sein musste, die Position, Krümmung und Farbe der Lederbänder. Mit diesem Wissen kam ein Gefühl der Selbstermächtigung. Ich hatte einen Weg gefunden, mir zu erarbeiten, was die anderen von Eltern oder Großeltern zum Geburtstag oder Namenstag oder Zeugnis geschenkt bekamen, und was immer ich am Ende meiner Recherche kaufen würde, es fühlte sich an, als wären die Fakes den Originalen bereits dadurch überlegen, dass sie ein Geheimnis trugen. Sie waren das Ergebnis einer erfolgreichen Jagd. Hinter dem Kaninchen konnte ich das verlassene Büro sehen. Endlos leere Tischreihen, so zusammengeschoben, dass man sich immer paarweise hätte anschauen können, am Bildschirm vorbei, ständiger Blickkontakt. Der Supermarktparkplatz spiegelte sich blau darüber, genau wie das Mäuerchen, auf dem ich saß und der Rücken des Kaninchens. Hinter mir warteten sonnenbehütete Köpfe darauf, dass andere den Laden verließen und sie an die Reihe kamen, ihn zu betreten. Alle auf Abstand, alle mit Masken und ihren selbst mitgebrachten Körben. Manche begrüßten sich, indem sie die Ellenbogen aneinanderstießen. An Gürtelschlaufen und Taschenriemen hingen kleine Desinfektionsspender. Viele hatten Angst, aber niemand hatte so viel Angst wie meine Eltern, die ihre Hamsterkäufe ausschließlich online erledigten und sich einen Überblick über die Preisklassen verschiedener CBRN-Schutzanzüge verschafft hatten, flüssigkeitsdichte Vollmonturen für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrensituationen. Das Kaninchen lag wie weggeworfen am Boden, krumm und allein. An den Ohren und am Rücken war sein Fell fein wie Watte, bebte winzig und schnell mit seinen Atemzügen, mit dem Herzschlag. Puls Puls Puls. An der Unterseite war es dunkel und verklebt, dort lief es aus, schwarz in die Erde hinein, in die Wurzeln der Halme. Bis auf das Zucken lag der kleine Körper völlig still, als plötzlich sein Sterben in ihn hineinfuhr, wie eine Hand. Er wurde gestreckt davon, hart, lang wie mein Unterarm. Ich hatte das Gras mit den Schuhspitzen auseinandergeschoben, sah das offene Kaninchenmaul, aus dem jetzt das Geräusch kam, durch das ich es überhaupt erst bemerkt hatte. Oben und unten ein Paar gelber, großer Zähne, wie eine sich öffnende Kralle. Der Anblick ekelte mich so sehr, dass ich die Gräser darüber schließen und davonlaufen wollte, nicht länger dabei sein, nie wieder dieses Verhärten sehen, dieses Maul, diesen widerlichen Schrei daraus hören, aber ich wollte auch nicht, dass es hier so allein liegen blieb, allein starb, im Dreck, in diesem trockenen, trostlosen Grünstreifen an der Mauer, neben dem Supermarktparkplatz. Ist das deines? Jemand beugte sich neben mich, langes, hellrosa Haar, eine Jeanscap, auf der aus Strasssteinen PALERMO stand. Ich schüttelte den Kopf, was war das für eine Frage. Nein? Hoffte, dass mein Tonfall dabei abgeklärt klang, dass man nicht hörte, wie die Situation mich zum Kind machte. Dass ich das Kaninchen halten wollte wie eine Puppe, es wiegen und trösten, dass ich wollte, dass das half. Fuck. In der Spiegelung betrachtete ich das Mädchen, sein riesiges Metal-Shirt, den kurzen Rock in Militäroptik. Die Kombination dieser Teile hätte etwas Wahlloses haben können, im Sozialkaufhaus zusammengeshoppt, aber sie hatte den Saum des Shirts von innen mit einem Gummi fixiert, was den Look minimal bauchfrei machte. In ihren Ohren schimmerten dicke Silberringe, die Babyhaare an den Schläfen hatte sie mit Gel zu kleinen Wellen geformt, wie Maddy in Euphoria . Sie war sicher nicht von hier, musste neu in der Gegend sein, oder zu Besuch. Nebeneinander beugten wir uns in den Schatten der leeren Büroräume, und für einen Moment stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam eine Pappkiste aus dem Supermarkt holen würden, Wasser und Streu. Das Kaninchen aufheben, ihm tropfenweise Flüssigkeit zuführen, es in eine Tierarztpraxis bringen. Aber das Mädchen kletterte an mir vorbei, über die Mauer, auf den harten Grasstreifen. Als es sich zu mir drehte, blieb sein Blick an mir hängen, veränderte, öffnete sich. Hey, wir kennen uns doch? Cora? Es lachte, und darin, in diesem offenen Mund, unter dem Lip- und Eyeliner erkannte ich ein Gesicht, das ich zuletzt gesehen hatte, als wir beide Kinder gewesen waren. Olympia Mitterwald, die mit ihrer Mutter, Schwester und Oma im selben Wohnhaus gewohnt hatte wie ich mit meinen Eltern, damals, bevor meine Mutter das Haus geerbt hatte und wir umgezogen waren. Krass. Voll schön. Olympia umarmte mich, und ich roch etwas Süßes in ihren Haaren, Vanille und Pfeffer. YSL Black Opium, aber schärfer als das Original, alkoholischer, ein Dupe. Ich fragte mich, welchen Geruch sie an mir wahrnahm, wie sich mein Rücken, wie sich meine Schultern für sie anfühlten, ob mein Training in ihren Händen spürbar war, ob ich sie zu fest drückte oder nicht fest genug. Das Kaninchen schrie wieder, und sie ließ mich los. Das Geräusch klang gurgeliger, kehliger als zuvor, nach mehr Blut. Scheiße. Der leidet ja bloß noch. Das Mäuerchen, auf dem ich saß, war eines dieser Drahtgestelle, wie sie überall herumstehen, die mit verschieden großen Steinen angefüllt sind. Olympia bückte sich und begann, daran herumzupulen. Ich stieg neben sie in die Lücke, noch immer mit dem Proteinshake in der Hand, den ich mir an den Nachmittagen kaufte, und in der Glasscheibe spiegelten sich meine langen, schönen Nägel. Almond Shape, Poppy Red. Auch diese Kunst hatte ich im Lockdown anhand von Videotutorials erlernt - die Maniküre mit Acryl Tips. Olympias Rücken kam mir breit vor, an der Definition d...
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